Du hast es nicht verdient!“


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05 Apr
05Apr

Du hast es nicht verdient!“

Gerade lese ich „Intelligente Zellen – Wie Erfahrungen unsere Gene steuern“ von Bruce H. Lipton und bin beim Kapitel – Menschliche Programmierung: Wenn gute Mechanismen fehlschlagen – angekommen. 

 Auszug: „Die Evolution hat unsere Gehirne mit der Fähigkeit versorgt, in kurzer Zeit eine unvorstellbar große Anzahl von Verhaltensweisen und Überzeugungen abzuspeichern. Diese Fähigkeit, derart viele Informationen zu verarbeiten, ist eine wichtige neurologische Anpassungsleistung, die diesen informationsintensiven Prozess des Hineinwachsen in  eine Kultur ermöglicht. Die menschliche Umgebung und die sozialen Sitten und Gebräuche ändern sich so schnell, dass es nicht sinnvoll wäre, kulturelles Verhalten über genetisch programmierte Instinkte zu vermitteln. Kleine Kinder beobachten Ihre Umgebung genau und speichern das Weltwissen ihrer Eltern direkt in ihr Unterbewusstsein ab. So werden die Verhaltensweisen und Überzeugungen der Eltern zu ihren eigenen.

Diese grundlegenden Verhaltensweisen, Überzeugungen und Einstellungen, die wir in unserem Umfeld beobachten, werden in den synaptischen Verbindungen „verdrahtet“. Sobald sie einmal fest in unserem Unterbewusstsein einprogrammiert sind, steuern sie uns für den Rest unseres Lebens (es sei denn, wir finden heraus, wie wir sie umprogrammieren können). 

 

HEIDEMARIE LANSCHE

Vor dem Hintergrund dieses präzisen Aufzeichnungssystems mag man sich gar nicht vorstellen, was in einem kindlichen Bewusstsein ausgelöst wird, wenn z. B. Eltern solche Dinge sagen wie „dummes Kind“, „Das hast du gar nicht verdient“, „Das schaffst du nie“ usw.. Wenn Eltern an ihre kleinen Kinder solche Botschaften weitergeben, ist ihnen nicht bewusst, dass diese Kommentare direkt als Tatsachen im Unterbewusstsein abgespeichert werden. In der frühen Entwicklung ist das Bewusstsein des Kindes noch nicht ausreichend entwickelt, um zu erkennen, dass solche elterlichen Aussagen nur verbaler Müll sind und keine echten Charakterisierungen ihrer selbst. Wenn sie jedoch einmal im Unterbewusstsein einprogrammiert sind, werden solche verbalen Übergriffe zu inneren Wahrheiten, die unbewusst das Verhalten und das Potenzial des Kindes sein ganzes Leben lang beeinflussen.“

 

Ich habe seit letztem Jahr gesundheitliche Probleme, die mich hindern, mein berufliches Leben so ausfüllen zu können, wie ich das gerne möchte. Eigentlich brauche ich nur Zeit und Ruhe, dann wird das wieder werden, sagen auf jeden Fall die Ärzte. Aber es fällt mir extrem schwer, daran zu glauben. Ich schaute mir genauer an, was hinter dem fehlenden Glauben liegen könnte und erkannte, dass es mir an Vertrauen fehlt. Und da war er wieder, dieser Satz, den ich als Kind immer wieder zu hören bekam: „Du hast es nicht verdient, dass …“

 

Nach der Menge Eigencoaching, die ich geleistet habe, war ich der Meinung, dass dieser Satz keine Relevanz mehr für mich hat. Da habe ich mich wohl geirrt. Und dann musste ich an eine Klientin denken, die vor Jahren bei mir war. 

Sie war eine zarte, zierliche Person (ST6) von Anfang Vierzig, von Beruf Ärztin (Kardiologie) mit naturheilkundlicher Zusatzausbildung und in einer Herzklinik angestellt. Der Stress des Klinikalltags und das rivalisierende Verhalten mancher Kollegen belastete sie sehr. Auch die Angst in den Nächten, in denen sie Dienst auf der Intensivstation hatte, dass einer der Patienten die Nacht nicht überleben würde, ertrug sie immer weniger. Sie wollte gerne kündigen und als naturheilkundliche Ärztin mit eigener Privatpraxis arbeiten. Aber da war ihre Mutter (BT3), die darauf bestand, dass sie weiterhin als Kardiologin in der Klinik arbeitete, schließlich hatte sie meine Klientin während der Schulzeit, des Studiums und danach in jeder nur erdenklichen Hinsicht unterstützt, bis meine Klientin diese berufliche Stellung erreicht hatte. Und gegen die dominante Erwartungshaltung der Mutter kam meine Klientin nicht an.

 

Wir arbeiteten mit ILP, und mit dem Klinikstress und den Kollegen kam meine Klientin besser zurecht. Allerdings blieb die Mutter, wie intensiv wir auch arbeiteten, weiterhin in der Übermacht. Ich hörte stets die gleiche Aussage: „Ich gehe so voller Selbstbewusstsein zu meiner Mutter, um ihr klar zu sagen, dass ich in der Klinik kündigen werde, doch wenn die Tür aufgeht und ich vor meiner großen, starken Mutter stehe, spüre ich, wie ich in mich zusammenfalle.“ Aus ihren Erzählungen und dieser stets gleichen Ausdrucksweise „meine große, starke Mutter“ nahm ich an, dass es sich bei dieser Mutter um eine äußerlich große und kräftige Person handelte. Doch dann traf ich meine Klientin zusammen mit ihrer Mutter zufällig in der Stadt und war total erstaunt. Diese Frau war genauso zart und zierlich wie meine Klientin, von der Größe her sogar noch etwas kleiner. 

 

Das war der Tag, an dem ich wirklich verstand, was subjektive Wahrnehmung bedeutet. Seitdem achte ich in der Klientenarbeit sehr darauf, die Dinge zu hinterfragen.

 

Beim nächsten Coaching fragte ich meine Klientin, was ihr denn helfen könnte, dieser Übermacht der Mutter zu begegnen; sie fand keine Antwort. Intuitiv dachte ich an meine ILP-Kinderarbeit, bei der ich oft mit einem Krafttier oder einer -Figur arbeite, und ich fragte meine Klientin, ob es wohl in dieser Hinsicht etwas geben würde, was sie unterstützen könnte. Sofort kam die Antwort, ja, vor einem Eisbären hätte die Mutter einen riesen Respekt. Ich fragte weiterhin, ob sie sich vorstellen könnte, einen Eisbären als Krafttier mit zu ihrer Mutter zu nehmen. Doch sie meinte, da müsste sie schon selbst der Eisbär sein. Okay, sagte ich, dann solle sie mal in die Energie eines Eisbären gehen. Sie schaute mich erst erstaunt an und traute sich nicht so recht, worauf ich ihr anbot, mit in die Energie zu gehen, was dazu führte, dass wir beide in meiner Praxis wie Eisbären mit Gebrüll und dementsprechender Haltung  herumliefen, was bei einem Außenstehenden sicherlich zu verständnislosem Kopfschütteln gesorgt hätte. Aber wir waren voll im Element. 

 

Zuhause stand meine Klientin vor den Spiegel und übte weiter die Eisbärhaltung, bis sie sie verinnerlicht hatte. Beim nächsten Besuch bei ihrer Mutter parkte sie ihr Auto, ging nochmals, nachdem sie sich versichert hatte, dass es niemand mitbekam, mit lautem Gebrüll in die Energie des Eisbären, dann stieg sie aus und klingelte.

 

Die Mutter öffnete die Tür und war sichtlich beeindruckt von der Haltung ihrer Tochter, auch meine Klientin spürte, dass sie diese Haltung ohne Probleme beibehalten konnte. Sie erklärte ihrer Mutter wiederholt ihr Vorhaben, als selbständige Naturheilärztin arbeiten zu wollen. Ihre Mutter meinte nur, wenn sie denke, dass das das Richtige für sie ist, solle sie es tun. Überhaupt war die Mutter bei dem Gespräch sehr zurückhaltend und devot. Bei unserer letzten Sitzung schenkte ich meiner Klientin einen kleinen Eisbären, der einen Platz in ihrer Naturheilpraxis bekam, wie sie mir bei einem Telefonat erzählte. 

 

Ich werde mir den Satz, dass ich es nicht verdient hätte, nochmals anschauen. Das Gute im Schlechten ist jedoch, dass ich ohne die gesundheitlichen Beschwerden nicht erkannt hätte, dass dieser einschränkende Satz immer noch wirkt. 

 

Ich wünsche Euch eine gute Zeit.

Chris Brunner





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